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Dichter . C/D . Otto Crusius



Weihnachten 1915

Otto Crusius

Dem Gedächtnis an Fritz von Uhde

Meister Uhde wärst du noch da!
Doch hoffen wir, du bleibst uns nah,
auch droben im Glanz der Heerscharen,
die schon auf Erden um dich waren,
du Ritter ohne Furcht und Fehle,
du gütiges Herz und fromme Seele,
du wackrer Malers- und Reitersmann,
mit Säbel und Pinsel allzeit voran,
Reserve-Rittmeister bis zum Grab -
Heut hieß' es: aufgesessen, Trab!
Du schwebst nun in den himmlischen Höh'n
und schaust und malst wohl Bilder schön -
gewiß, sonst wär es nicht her gar weit
mit deiner himmlischen Seligkeit.

Wie lieb' ich doch deine heil'ge Nacht!
Da liegt, von der Mutter fromm bewacht,
das holde Wunder - Mühselge nah'n
mit schweren Schritten und beten an,
und drüber auf Sparren und Brettern drängen
die Engelschöre sich in der engen
Taglöhnerhütte - ich sehe sie walten,
geschloss'nen Augs, die lichten Gestalten ...
Das waren Gedanken, so um elf
am heiligen Abend. Der Himmel helf'

unsern grauen Jungen in Graben und Grüften
mit hellen Sternen und linden Lüften -
ach Gott, wo mag unser Ältester sein.
Ticktack der Uhr. Der letzte Schein
der honiggelben Lichter verglommen.
Da ruft eine Stimme: "Alter, komm,
wir wollen ein bissel aufisteig'n,
ich will von der Front dir Bilder zeig'n."

"Sankt Peter?" "Ja wohl." "Na, ich denk im Himmel
liegt weder Frankreich noch Rußland." "Lümmel,
wart's ab und komm. Du hast keinen Dunst
auch droben tut man was für die Kunst,
und was dein verehrter Meister ist,
der wird geschätzt als ein guter Christ
und darf wie einst im lieben München
mit himmlischer Technik weiter tünchen.
Du sollst die Uhdeschen Spiegel sehn."
Die Spiegel? "Ja wohl, du wirst verstehn,
sind Bilder in seiner Werkstatt droben,
du wirst mit dem Werk den Meister loben."

Wir sind zur Stelle - die Wolkenburg
des Meisters aus sächsisch Wolkenburg.
Luftsteine, Strahlensäulen. Er saß
gemächlich vor einer Platte Glas,
die Wimpern geschlossen, in tiefem Sinnen -
er malte das Bild erst fertig drinnen,
dann schlug er die hellen Augen auf -
flugs stand das Bild auf der Platte drauf.
War es ein Stall? War's eine Hütte?
Ein säugendes Weib saß in der Mitte,
durchs Fenster bei Stallaternenschein
sah'n Artilleriegäule herein;
im Vordergrund ein Landwehrmann -
froh staunt' er Söhnlein und Mutter an.
Sankt Peter sagte: "Heute nacht
ward ihm daheim ein Sohn gebracht."

Doch schon stand auf der Staffelei
eine neue Platte, Nummer zwei.
Bereitschaftsstellung. Ein dunkles Loch
drei Ellen Geviert, und leuchtend doch
schwebt da ein Kind mit goldnen Haaren,
zwei hockende Schläfer - ach, es waren
ein paar blonde deutsche Jungen,
just von der Schulbank weggesprugen.
Ich tät im Eingeweide verspüren -
mitten im Schlaf! - unmännliches Rühren.

Die nächste Platte. Ein Bauernhaus,
Landstürmer, ein Dutzend. Sie ruhn sich aus
vom abendlichen Patrouillengang.
Die Feldpost kam - wie lang, wie lang
ward sie erwartet! Glücklich saß
ein jeder nun und las und las -
der Heiland mitten unter ihnen,
unbeachtet, in seinen Mienen
ein stilles Lächeln, als sagt' er eben:
ich bin die Liebe und das Leben.

Wieder ein neuer Plattenbogen,
auf der Stafflei lang hingezogen.
"Das ist das Beste" flüstert Sankt Peter.
Schützengraben, hundert Kilometer.
Von Zeit zu Zeit ein Loch oder Tor,
Inschriften drüber mit derbem Humor:
zur Friedenstaube - zum Fürsten Blücher -
Sanssouci - Villa Bombensicher -
der Leibgrenadiere Sommerfrische -
Kasino zum fürstlichen Mittagstische,
und Tannenreiser und Tannenbäume
allüberall und schwebende Träume,
Krippen, Christkinder und Engelknaben
durch hundert Kilometer Schützengraben.

Der Meister lächelte: "Bayern und Sachsen -
die bleiben mir doch ans Herz gewachsen,
die Münchner Leiber und die schweren Reiter.
Schaut's Euch nur an" - er sprach nicht weiter,
es kam wie Wetter und Glorienschein,
ein Schreck und Schauer - wer trat herein?
Mir schwante: in die Zukunft ein Blick.
Da fuhr ich auf - Tack Tick, Tack Tick -
Stille, verhüllter Mondenschein.
Ach Gott, wo mag unser Ält'ster sein.



Vers zu Weihnachten: "Weihnachten 1915"






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