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Dichter . E/F . Fritz Esser



Krippe und Kreuz

Fritz Esser

"Nennet mich nicht Noemi, d. i. die Schöne,
sondern nennet mich Mara, d. i. die
Bittere; denn der Herr hat mich mit
Bitterkeit erfüllt." Ruth 1, 20.

1. Noemi, d. i. die Schöne.

Im stillen Thalesgrunde in funkelnder Winternacht
Aufs holde Kindlein im Schoße die seligste Mutter lacht.
Ein Engel hat's ihr verkündet, der Himmel hat nicht getrogen;
Derweil sie das Kindlein betrachtet, viel Himmelswonnen im Herzen ihr wogen.

Wohl kleiden es dürftige Windeln, doch ist es ein Königssohn;
Wohl ruht es im kalten Stalle, doch herrscht es auf fürstlichem Thron;
Wohl schüttelt der Frost seine Glieder, doch grüßen es freudig die Sterne;
Wohl ferne die Menschen weilen, doch Engel nahen und dienen ihm gerne.

Und von der Liebe bewältigt, singt sie dem lieben Sohn,
Still lauschen Gottes Engel; das klingt wie Harfenton:
"Mein Augentrost! meine Wonne! Mein Gott ward mir zum Kinde.
Mir will das Herz zerschmelzen ob dem seligen Himmelsangebinde.

"O wolle Dich nun erbarmen der fluchbeladenen Welt!
Du bist ja der Ewige, Starke, der des Himmels Scepter hält."
So singt die seligste Mutter dem göttlichen Kinde entgegen. -
Der Mutter erstes Grüßen ist Mutterliebe und Muttersegen.


2. Mara, d. i. die Bittere.

An kahlen Hügels Halde, das Auge von Thränen umflort,
Da sitzt die Ärmste der Mütter, das Herz von Schmerz durchbohrt.
Da steht noch der blutige Schragen, an dem ihr Herzliebster erstarrte,
Da drüben die Grabeshöhle auf die Leiche des einzigen Sohnes schon harrte.

Da drunten die gottvergeßne, die gottverlassene Stadt,
Die ihrem großen Erretter so schmählich vergolten hat.
Er hat ihre Kranken geheilet, er hat ihre Toten erwecket;
Sie hat ihn ans Kreuz geschlagen, mit Schmach und blutigen Wunden bedecket.

Jetzt liegt er im Schoße der Mutter; sie zählet die Wunden tief;
Ach, wie sie in endlosem Wehe und schmerzlicher Klage rief:
"Wer hat Dich, mein Liebster, gefangen? wer hat Dir Dein Herz durchstochen?
Sie haben mit Deinem Herzen auch meines in tödlichen Qualen gebrochen!

"Doch habe Erbarmen! Erbarmen! Sie wissen nicht, was sie gethan.
O, wolle sie nicht vernichten! Sie thaten's in blindem Wahn."
So fleht die betrübte Mutter, da den Sohn zu Grabe sie legen. -
Der Mutter letztes Bitten ist milde Versöhnung und Muttersegen.



Poesie Weihnachten: "Krippe und Kreuz"






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