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Im Schnee
Oskar Häring
Ein Wandrer lenkt die müden Schritte
Mit Mühe durch den hohen Schnee,
Tief unten in des Tales Mitte,
Sein Ziel ist dort das Dorf am See.
Er hat sich lange, bange Jahre
In Arbeit redlich, hart gemüht;
Es zeugen seine Silberhaare,
Daß ihm das Leben abgeblüht.
Horch', wie ein leises Liebeslocken
In den verschneiten Lüften schwimmt!
Es sind des Dorfes ferne Glocken,
Zu frommem Weihnachtsgruß gestimmt.
Dem süßen Klange muß er lauschen.
Wie der sein wundes Herz umwirbt,
Und still im Wind und Waldesrauschen
Wie Schmerz und leises Weh erstirbt.
Nun winken ihm des Dorfes Stätten,
Und zaghaft klopft er an die Tür:
Er möchte für die Nacht sich betten ....
Den Leuten scheint es Ungebühr.
Ob auch das harte Wort ihn schrecket,
Der Alte klopft an jedes Haus;
Doch keine Freistatt er entdecket,
Man weist ihn überall hinaus. -
Aus den erwärmten, schmucken Zimmern
Erstrahlt der Weihnachtsbäume Pracht.
Der Alte, ach! in Schneelichtsflimmern
Irrt weiter durch die dunkle Nacht.
Und wo die letzten Häuser enden
Liegt öde Weite, stumm und kahl.
Hier will der Weg nach links sich wenden,
So scheint es in des Mondes Strahl.
Und milde in der weiten Wildnis
Winkt ihm ein Mutter-Gottes-Bild.
Da kniet er vor der Jungfrau Bildnis,
Die gnädig alle Schmerzen stillt
"Maria, Jungfrau benedeite,
Ich fleh zum letztenmal zu dir,
Schenk du mir Trost, gib mir's Geleite
Und lasse Ruh' mich finden hier.
Lass' liebend mir herniedertauen
Den Strahl von deinem Angesicht
Und führe mich durch Himmelsauen
Zu deines Sohnes Gnadenlicht!" -
Des Weltgerichts Posaunen dröhnen
In mächt'gen Lauten, langgedehnt
Und Engelschöre lieblich tönen. -
Ach, wie sein müdes Herz sich sehnt . . .
Und als der Christustag geboren,
Der schöne Tag, so wundermild,
Da lag der alte Mann erfroren
Und tot am Mutter-Gottes-Bild.
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