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Dichter . L . Wilhelm Langewiesche



Hirtenweihnacht

Wilhelm Langewiesche

Siehst du nicht, wie der Himmel loht? -
Das ist kein letztes Abendrot,
Das ist der Morgenglanz der Wahrheit,
Das ist des Herrn aufleuchtende Klarheit. -
Zwei Jahrtausende, oft verdunkelt,
Hat das ewige Licht gefunkelt.
Wir haben es hart genug bekämpft.
Wir haben es schwer genug gedämpft,
Mehr Scheiterhaufen und viel mehr Kerzen
An seiner Glut entzündet, als Herzen. -
Wir vergingen und werden vergehen,
Aber das ewige Licht bleibt stehen,
Bis die Klarheit des Herrn umleuchte
All' das All und die Nacht verscheuchte . . .

Hörst du das ferne Lied nicht heut'? -
Das ist kein verklingendes Kirchengeläut,
Das ist kein verwehender Orgelklang,
Das ist der Engel Friedensgesang. -
Zwei Jahrtausende lang übertönt,
Zwei Jahrtausende lang verhöhnt,
Muß es einmal doch Wahrheit werden:
Friede auf Erden . . .
Wir hielten uns lange, ich und du,
In Hader und Hass die Ohren zu,
Und sagten, ein Schlachtfeld wäre das Leben,
Da würde kein Pardon gegeben. -
Wir vergehen und sind vergangen,
Aber das Lied, das die Engel sangen,
Klingt noch heut' durch Lärm und Not
Als ein Versprechen, als ein Gebot,
Einmal, einmal muß Friede werden,
Friede auf Erden . . .

Denkst du heut' an das Wunder nicht? -
Rührt dich nicht mehr der schlichte Bericht,
Den deine Mutter beim Schein der Kerzen
Vorgelesen mit gläubigem Herzen:
Euch ist heute der Heiland geboren. -
Ach, wir haben ihn wieder verloren.
Zwanzig Jahrhunderte gingen und kamen . . .
Wehe! Wir haben in seinem Namen
Zuviel Leben zu Tode gebracht,
Zuviel Gesunde krank gemacht,
Zuviele Teufel eingetrieben,
Darum ist er nicht bei uns geblieben. -
Aber er lebt! Wir, die ihn verkannten,
Ob wir nach seinem Namen uns nannten,
Wie wir sein Wesen auch oft mißdeutet,
Oft ihm die Sterbeglocke geläutet,
Wenn uns sein Ende gekommen schien,
Töten konnten wir nimmer ihn. -
Jesus Christus, der Heiland, lebt! -
Die Not der Zeit bekennt es und bebt,
Sie will ihm begegnen, sie will ihn sehen,
Sie will ihn gebären in Angst und Wehen. -
Was stehen wir ferne, ich und du?
Was halten wir unsre Herzen zu? -
Fort mit den kleinen Bedenken und Fragen!
Wir wollen den Weg der Hirten wagen!
Die ließen die Furcht und die Nacht und die Hürden
Und wußten, daß sie ihn finden würden. -
Die konnten ihm nicht, wie die Engel, lobsingen,
Noch Schätze ihm, wie die Könige bringen,
Auch hatten sie weder Werke noch Worte,
Zu pochen an seines Reiches Pforte -
Sie waren weder gelehrt noch bekehrt
Und haben doch innig den Heiland verehrt.



Weihnacht, Gedicht: "Hirtenweihnacht"






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