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Dichter . C/D . Silvio di Casanova



Heiliger Abend

Silvio di Casanova

Der Nebel undurchdringlich schloß des Sees
Verschwiegne Wasserfläche ein, wo dämmrig
Das Zwielicht später Abendstunde über
Des dunstgen Strands erloschnen Fluten graute.
Landeinwärts ragten kahl entlaubte Bäume,
Die, hochaufstrebende Phantomgestalten,
Nebelumsponnene Gespenster, brauten.
Kein Hauch durchzog der stillen Wipfel Krone,
Kein fremder Laut, kein ferner Widerhall
Drang in die unergründlich tiefe Stille,
Allwo des Winterabends Feierstunde
Gelassen ruhte, ahnungslos der Zeit.
Allein aus unsichtbaren Wasserweiten
Und ihrer Tiefen nie erschöpften Stillen
Stieg leise Meil' auf Meile, Stund' um Stunde,
In abertausendstimmger Wiederholung,
Das Seufzen ewgen Flutgeflüsters auf,

Und weitumher, so weit das Horchen reichte,
Durchdrang den zwielichtsfahlen Winterabend
Zeitloser Wasser zeitloses Gemurmel.
Allgemach scholl der Flut geheimes Raunen
Heller gestimmt aus dumpfem Dunst hervor,
Der streckenweis sich aufzulösen anfing.
Die Nebelmassen wallten hin und her,
Rissen verqualmend meilenweit entzwei;
Zwischen zyklopisch aufgetürmten Dämmen
Lichtscheindurchklaffter Schwaden, dehnte sich,
Mondlichtbeschienen eine Wasserstraße,
Die Flut querein zum jenseitigen Ufer.
Lichtlein um Lichtlein schwingt durch Nacht und Nebel,
Verrät verborgner Niederlassung Herd,
Wo Hütte sich an Hütte heimatlich
Dem Steingebild des alten Kirchturms anschließt.
Der Nebel sinkt, die Fernsicht trüb verschließt sich,
Und in die Stille durch die Dämmrung fällt
Ein Laut, ein Glockenschlag, und einer noch,
Bebende Klänge, die in dumpfem Tonfall
Zu einer Weise sich verbindend läuten.

Zwielichtverschleiert, nebelferngedämpft,
Über die Wasser her, vernehmbar kaum,
Hallt aus entlegnen, unsichtbaren Ufern
Mystischen Glockenläutens Widerhall.
Heiliger Abend! Durch der Christenheit
Gesamte Reiche, um das Erdenrund,
Werden in dieser gleichen Abendstunde
Die frohe Weihnacht und das heilge Christfest
Mit Altersglocken festlich eingeläutet.
Aus aller Dome, Münster Glockentürmen,
Die ragend in die Wolken sich verlieren,
Braust jetzt herab in alle Lüfte hin
Der alten wundersamen Überliefrung
Fröhlicher Botschaft Weltverkündigung.
Der Mißton großer Städte kreischt und stöhnt,
Laster und Jammer unentwegt ziehn ächzend
Ihren von altersher begangnen Weg.
Doch aller Welt und Sprachen Christenvölker
Verbindet in des einen Glaubens Festklang
Der Kündungsglocken ehernes Geläute.
Und wie ein Lauffeuer von Dom und Münster
Schlägt es hinaus in aller Lande Weiten,
Von Stadt zu Dorf, von Kirche zu Kapelle
Nimmt Glockenturm um Turm es läutend auf.

Ergreifend tönt's herüber vom jenseitgen
Nebelverlornen grauen Seegestade;
Diesseits der Bäume schattige Phantome
Dämmern gespensterhaft aus Dunst hervor,
Mystisch verschleiert lauschen sie dem fernen
Abendgeläute geisterhafter Glocken.
Die Nebelstreifen lockern sich, die Nacht
Durchstrahlt aufs neu der Lichtlein Glimmerschein;
Ob's Luken dürftger Hütten sind, ob eines
Dorfkirchleins Fenster Kerzenlicht entstrahlend?
Dort niederknieend vor dem Hochaltare,
Darauf gereiht viel Kerzenflämmchen flackern,
Die Gläubigen erheben im Gebet
Die Seele inbrunstvoll zu Gott empor.
Des Evangeliums frohe Botschaft läuft
Unaufgehalten tausendjährig weiter.
Der Weise brütend neigt das Haupt und sinnt
Dem Unerforschlichen geduldig nach;
Wo Forschen schnöd versagt, vermag er nicht
Mit dem Verstand Verborgnes zu ergründen.
Doch Sehnsucht ist's, die lechzend sucht und trinkt

Am Gnadenquell des offenbarten Heils.
Und Heim um Heim, die Welt hindurch, entstrahlt
Der Christbaum goldner Kerzlein Glorienschein.
Der Reiche schenkt, der Arme schlicht begnügt sich,
Das Christfest jedem Eigenes beschert.
Den nebelgrauen Baumgespenstern dicht
Zu Füßen raunt der Fluten Nachtgeflüster,
Aus tausend Wasserzungen schluchzt die Frage,
Die unerwidert dumpf dahin verhallt.
Die Nebel lösen sich verflüchtigt auf,
Der Strahl der weit entfernten Lichtlein spiegelt
Das Traumgesicht der Heilgen Christnacht wider.
An des armselgen Stalles dürftger Krippe,
Die Hände voller mütterlicher Weihe,
Maria hütet, mit beseeltem Auge
Wachend, das Knäblein strohgebettet, so
In Windeln eingewickelt schlummernd liegt.
Und weitumher schweigt still der Abend, lautlos
Herangerückt die fernen Zeiten lauschen.
Verstohl'n am dunklen Seegestade blinkt

Ein Stern hervor, der sich den Lichtlein anschließt;
Ein Stern, der heut den Dunst durchdringt, wie einst
Er licht den Stall von Bethlehem bestrahlte.
Und wie der Dunst zerfließt: Des Stalles Schwelle
Die Heiligen Drei Könige betreten,
Vom Stern geführt, aus weitem Osten her,
Bringen in Anbetung sie Weihrauch, Gold
Und Myrrhen, vor der Krippe niederkniend,
Andachterfaßt dem Jesuskindlein dar.
Die Hirten, nach dem Hintergrunde weichend,
Sehen gesenkten Haupts bedächtig zu.
Und nun dem weiten Seegestad entlang
Geht Meil' auf Meile, Dorf um Dorf in Licht,
Kirchlein um Kirchlein froh in Läuten auf.
Von allen Hügeln, Bergen, hundertfach
Gemeindeweis vereint, verkündet hier
Des Heiligenacht-Geläutes Glockenton.
Die Wasser murmeln mystisch, das Geläute
Entfernter Weihnachtsglocken widerhallt.
Verliert unhörbar sich der Lobgesang,
Drin weit die Engelscharen sich ergehn -
Schweigt unergründlich still die Heilige Nacht.
Angehörs fernen Glockenchors Geläute
Ragen, Phantomgestalten, regungslos
Der Bäume schemenhafte Dunstgespenster
Aus dämmerhaftem Zwielicht trüb hervor.

- Der Nebel reißt, zehntausend Sterne funkeln:
Ehre sei Gott! Bricht aus der Höh' zu Höh'.



Vers zur Weihnacht: "Heiliger Abend"






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